Frieden ist menschlich

Beim schulweiten Europatag ging es um verschiedene Aspekte von Frieden. Schülerinnen und Schüler haben an Workshops teilgenommen, eine Lesung besucht und einen Spendenlauf veranstaltet. 

In den Workshops haben die Schülerinnen und Schülern verschiedene Aspekte von weltweiten Konflikten und Friedenslösungen behandelt. Hier ging es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Konfliktverhalten.

In den Workshops haben die Schülerinnen und Schülern verschiedene Aspekte von weltweiten Konflikten und Friedenslösungen behandelt. Hier ging es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Konfliktverhalten.

Sprechen über die eigenen Kriegserlebnisse war für Hermann Kronemeyer eine Art der Trauma-Bewältigung. Auch wenn er vielleicht die schlimmsten Gräueltaten im 2. Weltkrieg nicht erlebt hat, sind seine Erzählungen aus dem Krieg nicht weniger beklemmend. Seine Urenkelin, Celina Keute, hat diese im Buch „Schüsse in der Stille“ verewigt, aus dem sie jetzt im Rahmen des Europatages Auszüge gelesen hat. Als 17-Jähriger wird Kronemeyer eingezogen und kämpfte plötzlich gegen seine niederländischen Freunde. Zunächst musste er die Kaserne überwachen, Niederdeutsch übersetzen und Fahrräder stehlen. „Ich zögerte. Es war nicht meine Art anderen etwas wegzunehmen. Daher ging ich ohne Fahrrad in die Kaserne zurück“, erzählt Kronemeyer im Buch von seinem ersten Diebstahl. Der Feldwebel war nicht erfreut und machte deutlich, dass er nicht noch einmal ohne Fahrrad zurückkehren könne. Erpressungen und Drohungen wurden sein Alltag. Irgendwann musste er an die Front und kämpfte hungrig und übermüdet gegen besser ausgestattete Kanadier. „Ich war viel zu aufgeregt, um Einzelheiten wahrzunehmen. Wir mussten wachsam sein, wo der Gegner steckt, und die Situation richtig einschätzen, um den sicheren Tod zu entgehen. Ich hatte Angst; dieses Gefühl wurde aber an der Front zurückgestellt.“ Geschlafen wurde teilweise mitten auf dem Schlachtfeld – alle verteilt über die gesamte Fläche, „damit wir bei Beschuss nicht alle starben.“ Nach einem Bombardement auf eine Kirche, in der sich Kronemeyer versteckte, ergab er sich und kam bis Kriegsende für zwei Monate in ein Gefangenenlager in Belgien. Hier mangelte es an allem – vor allem Nahrung, Waschmöglichkeiten und Privatsphäre. Doch Kronemeyer kam frei und baute sich ein neues Leben auf. Der Krieg prägte ihn aber sein Leben lang, erzählte Urenkelin Keute den Schülerinnen und Schüler. Er half Menschen aus anderen Ländern gefallene Angehörige zu finden und suchte selbst die Leiche seines Bruders, der in der Ukraine gefallen war. „Alle waren sich einig, dass so etwas nicht noch einmal geschehen darf. Krieg ist von allen nur das Schlimmste.“ 

Auch wenn dem sicherlich alle zustimmen, ist die aktuelle Weltlage alles andere als friedlich. Daher passte es gut, dass der diesjährige Europatag am Berufskolleg Kleve jetzt unter dem Motto „Frieden“ stattfand. „Frieden ist auch in Europa nicht selbstverständlich. Es gehört auch zu Europa, einander zuzuhören und Unterschiede nicht gegeneinander auszuspielen. Genau davon lebt auch unsere Europatag, sich auf Themen, Gespräche und Perspektiven einzulassen“, sagte Thorsten Schevelling, stellvertretender Schulleiter, bei der Eröffnung des Europatages. Katharina Neyenhuys und ihr Team holte sich dazu die Organisation „Pro Peace“ ins Boot, um spannende Workshops für alle interessierte Schülerinnen und Schüler anzubieten: Es ging um Informationen zu den Hintergründen der Konflikte im Nahen Osten, um Menschen, die für Menschenrechte und Sicherheit in Krisengebieten kämpfen, um das Wesen von Konflikten und wie man mit diesen im eigenen Alltag und bei globalen Krisen sinnvoll umgeht. So konnte in einem Kartenspiel der Umgang mit unterschiedlichen Wertevorstellungen und Vorurteilen reflektiert und Strategien für ein besseres Miteinander entwickelt werden. In einem anderen Workshop hat Referent Peter Goldstein mithilfe von audiovisuellen Porträts ehemalige israelische und palästinensische Kämpfer verdeutlicht, was die Menschen vor Ort zur Auseinandersetzung bringt und wie sie davon wieder Abstand nehmen. Die Combatants for Peace kämpfen heute nicht mehr mit Waffen gegeneinander, sondern engagieren sich binational, indem sie Bäume pflanzen, Menschenrechtsverletzungen dokumentieren, Demonstrationen organisieren oder junge Israelis und Palästinenser in Workshops unabhängig über die Konflikte aufklärt und sie zusammenbringt. 

Dana Harms beleuchtete in ihrem Workshop die Rolle der Frauen und der Geschlechtergerechtigkeit. Auch wenn Frauen schon immer für Menschenrechte gekämpft oder auch im Schützengraben gestanden haben, ist ihre historische Rolle in Kriegen oft wenig bekannt. Der Friedensnobelpreis 2023 für die Iranerin Narges Mohammadi war ein wichtiges Signal. „Es macht die Arbeit der Frauen international sichtbar. Diese Frau hat sich dafür entschieden, in ihrem Land für Gerechtigkeit zu kämpfen, obwohl sie inhaftiert ist und weiß, dass sie ihre Familie wahrscheinlich nie wieder sehen wird. Ihr könnt mutigen Menschen wie ihr helfen, indem ihr ihnen in den Sozialen Medien folgt. Damit haben wir auch eine Macht“, betonte Harms. 

Wie verhalte ich mich eigentlich bei Konflikten? Ist mir Harmonie oder die eigene Meinung wichtiger? Vermeide ich Konflikte oder gehe ich sofort in den Angriff? Guido Küßner erarbeitet mit Schülerinnen und Schüler ausgehend vom eigenen Konfliktverhalten gewaltfreie Strategien zur Deeskalation. „In der Schule ist das vielleicht schwierig zu üben, weil vieles, was in Schule passiert, nicht gewollt ist. Aber das eigene Konfliktverhalten ist wichtig für das eigenen Wohlbefinden. Es betrifft uns alle täglich.“ Denn es habe immer mit den eigenen Bedürfnissen zu tun, ob ein Konflikt entsteht und wie man damit umgehe. Mit Ich-Botschaften, aktivem Zuhören und einem Perspektivwechsel schafft man es, bei Streitigkeiten ruhig zu bleiben und auf Augenhöhe zu einer Lösung zu kommen. Manchmal sei es aber auch in Ordnung, vermeidend zu reagieren oder anzugreifen. „Wenn jemand die Menschenwürde in Frage stellt, ist bei mir Schluss. Da reagiere ich sehr, sehr heftig“, gibt Küßner ein Beispiel aus seinem Konfliktverhalten. Bei internationalen Konflikten, wo sich unterschiedliche Wertevorstellungen, Vorurteile und Interesse gegenüberstehen, muss man dennoch in den Austausch gehen. Hier ein Gespräch abzulehnen, sei keine Option, da die Alternativen immer schlimmer seien. 

Zum Abschluss des Europatages gab es einen großen Spendenlauf für Projekte der Organisation Pro Peace. Fast 200 Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräfte trotzten dem launenhaften Wetter und liefen eine Stunde lang Runde und Runde auf der Bahn oder um die Schule herum. Mit jeder gelaufenen Runde sammeln die Schülerinnen und Schüler Spenden für die Friedensarbeit von Pro Peace. Seit vielen Jahren ist Pro Peace in den ukrainischen Städten Kiew und Odessa aktiv, unter anderem auch in Schulen. Aber auch in anderen Krisenregionen wie zum Beispiel im Nahen Osten engagiert sich die Organisation mit Projekten. „Als EU‑Koordinatorin freue ich mich sehr, dass unser diesjähriger Europatag unter dem Leitmotiv Frieden stehen durfte. In diesen Zeiten ist es wichtiger denn je, jungen Menschen Räume zu eröffnen, in denen sie sich mit Frieden, Menschenrechten und Verständigung aktiv auseinandersetzen können. Europa bedeutet für mich genau das: einander zuhören, Unterschiede als Bereicherung begreifen und Verantwortung füreinander übernehmen. Diese Haltung wurde an unserem Europatag spürbar – in den Workshops, auf dem Schulhof, im Gespräch und schließlich beim gemeinsamen Spendenlauf für Pro Peace. Mein Dank gilt allen Beteiligten, die diesen Europatag möglich gemacht haben. Unsere Schule hat einmal mehr gezeigt: Frieden beginnt im Kleinen – und er beginnt bei uns“, resümierte Katharina Neyenhuys, EU-Koordinatorin am Berufskolleg.

Text und Fotos von Natascha Verbücheln