Plädoyer für Toleranz

Die NS-Zeitzeugin Eva Weyl (90) war zum 14. Mal zu Besuch. Ihr persönlicher Bericht über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit und einem Lager in den Niederlanden bewegte rund 400 Schülerinnen und Schüler.

Auch mit 90 Jahren kämpft die Holocaust-Überlebende Eva Weyl noch gegen das Vergessen.

Auch mit 90 Jahren kämpft die Holocaust-Überlebende Eva Weyl noch gegen das Vergessen.

Ihr Einleitungssatz hat es bereits in sich: „Vor 80 Jahren stand ich fast wöchentlich auf der Todesliste“, beginnt Eva Weyl ihren Vortrag in der Aula des Berufskollegs Kleve. Die rund 400 Schülerinnen und Schüler aus verschiedensten Bildungsgängen werden ganz still, als die 90-Jährige vom anfänglichen Mobbing der Juden über die offene Verfolgung, ihre Flucht und die Zeit im Lager erzählt. Die damals 6-Jährige kam 1942 mit ihrer jüdischen Familie ins niederländische Westerbork. Über 100 000 Menschen sind von dort in ein Konzentrationslager deportiert und ermordet worden. Nur wenige überlebten – Weyl ist eine von ihnen. „Fühlt euch nicht angegriffen! Niemand ist heute noch für diese furchtbare Vergangenheit verantwortlich, aber man muss sie kennen, um mitzuhelfen, dass es nicht noch einmal zu einer solchen Ausgrenzung kommt. Ich möchte euch darauf aufmerksam machen, wozu Hass, Neid, Intoleranz und Respektlosigkeit führen können“, betont Weyl. 

Die jüdische Familie Weyl stammt aus Deutschland: Der Großvater kämpfte im 1. Weltkrieg; die Eltern besaßen ein großes Warenhaus in der Klever Innenstadt (heute Galeria). Innerhalb weniger Monate veränderte sich die Stimmung: aus Mobbing wurde Verfolgung. Die Familie musste in die Niederlande flüchten und kam schließlich nur mit dem Nötigsten und ein paar versteckter Brillanten im Knopfloch von Weyls Wintermantel ins Durchgangslager nach Westerbork. „Ich hatte Angst, aber ich wurde gut behütet. Meine Mutter sagte immer: Alles wird gut.“ Wie schlimm die Lage wirklich war, hat Weyl erst später in Gesprächen mit ihrem Vater und in Original-Quellen aus der Gedenkstätte Westerbork erfahren. Ihre Schilderungen über die Zeit sind ergreifend, schockierend, aber auch durchsetzt mit einer Prise Humor und vielen persönlichen Einblicken.

Beklemmend ist vor allem die Schilderung der Scheinwelt, die in Westerbork erschaffen wurde, damit das nicht nur die kleine Eva Weyl glaubte: Es gab zwei Schulen, einen Spielplatz, genug Essen, ein großes Krankenhaus, Theateraufführungen und Musik. „Das Lager war ein großes Paradoxon. Die meisten ließen sich täuschen und waren skeptisch: Wieso sollte man hier so gut behandelt werden, wenn man 2000 Kilometer weiter östlich ermordet werden sollte? Das konnte man nicht glauben.“ Dennoch war die Angst ständig zugegen; nachts wurden tausend zufällig ausgeloste Personen aus ihren Baracken geholt und mit dem Zug nach Osten transportiert worden – ins Konzentrationslager Auschwitz. Zweimal stand die Familie Weyl auf der Liste. Zweimal entkamen sie nur durch Glück der Deportation. 

Dieses Glück gibt Weyl seit vielen Jahren zurück, indem sie sich als Zeitzeugin engagiert und zahlreiche Schulen besucht. Ans Berufskolleg Kleve ist die Niederländerin jetzt zum 14. Mal gekommen. „Wir sollten mit ihren Erinnerungen verantwortungsvoll umgehen und das Wissen darüber weitertragen. Es betrifft uns alle. Wie wir miteinander umgehen, liegt in unserer Verantwortung“, betont der stellvertretende Schulleiter Thorsten Scheveling und bedankt sich für das Engagement von Weyl. Der diesjährige Besuch war auch für Weyl besonders, denn sie hatte einen Gast dabei: Wolfgang Polak, der zur gleichen Zeit wie Weyl in Westerbork war und gemeinsam mit ihr in der dortigen Schule ging. Zufällig haben sich die beiden vor ein paar Wochen getroffen und Weyl überredete Polak, sie ans Berufskolleg zu begleiten. „Dies ist ein emotionaler Moment für mich. Ich habe bis jetzt nicht über diese Zeit sprechen können, aber Eva hat mich überzeugt, wie wichtig meine Erinnerungen sind“, so Polak, der mit seiner Frau und dem Enkelsohn dem Vortrag von Weyl hörten. 

Im Anschluss durften die Schülerinnen und Schüler noch Fragen stellen; einige schilderten ihre Erfahrungen mit Flucht und Diskriminierung. Weyl reagierte offen, empathisch und beantwortete auch die persönlichen Fragen ernsthaft. „Darüber zu reden, erleichtert mich von meinem Schuldgefühl, überlebt zu haben. Nach zwei Tagen an Schulen bin ich im Traum aber wieder in Westerbork und sehe den Todeszug.“

Text und Fotos von Natascha Verbücheln