Zeitsprung in die NS-Zeit

Drei Schülerinnen berichten von einer mittlerweile seltenen Begegnung zwischen einem jüdischen Opfer und der Nachfahrin eines Lagerkommandanten. 

Zeitzeugin Eva Weyl und Anke Winter, die Enkelin des Lagerkommandanten Gemmeker, erzählten den Schülerinnen und Schülern von ihren Erinnerungen an das Lager in Westerbork und dem Lagerkommandanten.

Zeitzeugin Eva Weyl und Anke Winter, die Enkelin des Lagerkommandanten Gemmeker, erzählten den Schülerinnen und Schülern von ihren Erinnerungen an das Lager in Westerbork und dem Lagerkommandanten.

Eva Weyl war noch ein Kind, als sie mit ihren Eltern ins Lager Westerbork gebracht wurde. Dort lebte sie nicht in Furcht, wie es in anderen Durchgangslagern der Fall war, sondern in einer von Albert Konrad Gemmeker errichteten Scheinwelt. Diese kannte keinen Hunger und keine Ängste, sondern schaffte durchaus - für uns unvorstellbar - angenehme Lebensverhältnisse. Doch auch aus Westerbork wurden Menschen nach Auschwitz deportiert. Regelmäßig berichtet Eva Weyl in Schulen von ihrer Zeit im Lager. Mit uns, den Schülerinnen und Schülern der Beruflichen Gymnasien, sprach die Zeitzeugin jetzt gemeinsam mit Anke Winters, Gemmekers Enkelin. 

Über 80.000 Juden aus Westerbork wurden von Gemmeker in den Tod geschickt. Im Lager konnte man die Gerüchte aus dem Osten nicht glauben, da die Lebensweise der Inhaftierten nicht mit dieser grausamen Vorstellung übereinstimmte. Schließlich hatte das Lager den Charakter einer jüdischen Kleinstadt mit einem Krankenhaus und einer Grundschule, die auch Weyl besucht hat. Das schaffte einen Hauch von Normalität: „Jeden Dienstagabend, wenn der Zug nach Osten abfuhr, gab es eine Kabarett-Vorstellung. Das war der betrügerischste Schein, den man sich vorstellen konnte.“ Die Verwaltung und Bürgermeister arbeiteten weitestgehend unabhängig von deutschem Einfluss, welcher sich hinter dem Zaun befand. Selbst der Leiter des Lagers betrat das Gelände nur selten. Nach dem Krieg wies er jegliche Schuld von sich, an der den Massenmorden beteiligt gewesen zu sein. Er sagte, er habe von dem Grauen im Osten nichts gewusst.

Jahre später sitzt seine Enkelin neben einem seiner potenziellen Opfer und beschreibt ihren Großvater in ihren eigenen Worten: ein vornehmer, konservativer Mann, welcher aufgrund seiner Einstellungen für Brüche in der Familie gesorgt habe.  Er habe sich von seinen Ansichten nie distanziert und lebe nach dem Kriegsende in einfachen Verhältnissen mit der ständigen Angst, von seinen Mitmenschen wiedererkannt zu werden.

Sind die Kinder Erben der Grausamkeiten ihrer Vorfahren? Ganz im Gegenteil, beweist Winter. Sie hat sich schließlich entschieden, von der schwarzen Seite ihrer Familie zu berichten. Das ist ein mutiger Akt der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Für die Taten der Vorfahren gibt es keine Haftung, solange man sich von ihren Taten distanziert. 

Eva Weyl und Anke Winters sind zwei Menschen mit äußerst unterschiedlichen Hintergründen, die jedoch mit ihren Herzen für das Gleiche plädieren – ein friedliches Miteinander geprägt durch die Toleranz und den Humanismus. Das haben sie uns Schülern ganz besonders nahegelegt, denn wir sind es, die die Zukunft gestalten.

Text von Alina Dautwitz (GGYGE17B), Catharina Ricken (KGYWV17B) und Ewa Stepniak (KGYWV17A), Schülerinnen des Differenzierungskurses Literatur der Beruflichen Gymnasien, 

Fotos von Stefanie Daams und Blerta Kurtaj (KGYWV17B)