Die Macht der Gefühle

Am Standort in Bedburg-Hau ist eine Ausstellung eröffnet worden, die einen emotionalen Zugang zur Geschichte bietet. Schülerinnen und Schüler können sich so besser in die Geschehnisse hineinversetzen und die hitzigen Debatten der Gegenwart reflektieren.

Politik-Lehrer Jan Feldmann hat die Ausstellung nach Kleve geholt und sie zusammen mit seinen Schülerinnen und Schülern in einer kleinen Feier eröffnet.

Politik-Lehrer Jan Feldmann hat die Ausstellung nach Kleve geholt und sie zusammen mit seinen Schülerinnen und Schülern in einer kleinen Feier eröffnet.

Wut über Waldsterben, Begeisterung für Ballkünstler, Misstrauen gegenüber manipulierten Abgasnormen, Trauer aufgrund von Terror, Solidarität mit schwachen Südeuropäern, Heimat als Hoffnung  - Gefühle prägen unser menschliches Zusammenleben und bestimmen zunehmend auch unserer Politik: In Zeiten der Daueraufgeregtheit werden Fakten durch gefühlte Wahrheiten infrage gestellt; Radikale aller Couleur finden immer mehr Zuspruch. „Hol den Vorschlaghammer!“ schlägt die Band Wir sind Helden in einem Lied vor. Wenn Schülerin und angehende Erzieherin Salina Thür dieses Lied leidenschaftlich singt, ist es nicht als Gewaltaufruf zu verstehen, sondern als Appell die Macht der Gefühle ernst zu nehmen – so wie es die gleichnamige Ausstellung vornimmt, die ab sofort am Schulstandort in Bedburg-Hau zu sehen ist.

Die von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegebene Schau nimmt heutige Erscheinungsformen von 20 Emotionen zum Ausgangspunkt, um Kontinuitäten und Brüche in den Gefühlswelten zu verdeutlichen, die die vergangenen 100 Jahre prägten und deren Intensität heute Politik und Gesellschaft herausfordert. Prägnante Texte, historische Fotos und bewegende Videos bieten den Schülerinnen und Schülern einen emotionsgeschichtlichen Blick auf die vergangenen 100 Jahre, wodurch eine Auseinandersetzung mit der Macht von Gefühlen in Vergangenheit und Gegenwart ermöglicht wird. „Ziel ist es, dass wir in der Auseinandersetzung mit den Ausstellungsinhalten reflektieren, wie uns Gefühle leiten, und wir insgesamt eine Balance finden zwischen Emotionen und Fakten. Das ist ein anderer Weg der Auseinandersetzung mit geschichtlichen Ereignissen; es ist keine Zeitleistengeschichte“, erklärt Politik-Lehrer Jan Feldmann, der die Ausstellung ans Berufskolleg Kleve geholt hat. Geschichtliche Ereignisse würden hier mit vertrauten Gefühlen verknüpft, wodurch sie perspektivischer und vollständiger durchdrungen werden könnten. Diesen Ansatz unterstützt auch Schulleiter Peter Wolters: „Ich wünsche mir, dass unsere Schülerinnen und Schüler die Ausstellung auf sich wirken lassen und die Gefühle bewusst wahrnehmen. Dann ergeben sich – unterstützt durch die Reflexion im Unterricht - interessante Erkenntnisse im Hinblick auf die geschichtlichen Ereignisse, aber auch auf die eigene Gefühlslage.“  

Einige Schülerinnen und Schüler der Abteilung Sozialwesen haben sich bereits im Unterricht mit der Ausstellung beschäftigt. „Unsere Vergangenheit war nicht immer friedlich; die Macht der Gefühle ist deutlich zu sehen. Damit ist Geschichte lehrreich, aber wir sollten nicht in ihr verharren, sondern wir sollten uns – gerade mit dem Wissen über die Vergangenheit – mit den Problemen heute auseinandersetzen“, appelliert Schülerin Daria Biernacik aus der Fachoberschule für Gesundheit und Soziales. Zusammen mit ihren Mitschülern hat sie da auch konkrete Vorschläge erarbeitet: duschen statt baden, ein barrierefreier Bahnhof in Emmerich oder Diskobesuche ohne Belästigungen. Schülerin Salina Thür hat sich mit ihrem Musiklehrer, Karsten Verheyen, musikalisch mit dem Thema auseinandergesetzt: „In der Rückschau wirkt Geschichte immer wie von anderen gemacht. Das mag ein Stück weit so auch stimmen, dennoch wird gerade in den letzten Jahren offenbar, wie sehr Geschichte auch von jedem einzelnen bestimmt wird: Jeder Hass-Post beeinflusst das politische Klima.“ Daher hat sich Salina auch dafür entschieden, die Ausstellungseröffnung mit einem Song von Madsen zu begleiten: „Denn du schreibst Geschichte/ Mit jedem Schritt, mit jedem Wort setzt du sie fort“.
                                                                           

Text von Natascha Verbücheln, Fotos von Johannes Menrath

Die Ausstellung

Umfang Poster, Zeitzeugeninterviews, Filmclips und historische Fotos zu 20 Emotionen aus 100 Jahren deutscher Geschichte
Gefühle Angst, Begeisterung, Ekel, Empathie, Empörung, Geborgenheit, Hass, Hoffnung, Liebe, Neid, Neugier, Nostalgie, Ressentiment, Scham, Solidarität, Stolz, Trauer, Vertrauen, Wut, Zuneigung
Besuch Interessierte können sich die Ausstellung noch bis Weihnachten am Standort Bedburg-Hau ansehen. Um telefonische Anmeldung unter 02821-7193942 wird gebeten.