Do 12.10.2017

Verrückt? Na und!

Mehrere Personen sitzen auf dem Boden und diskutieren

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Schüler des Beruflichen Gymnasiums für Gesundheit im Gespräch mit der Schulsozialarbeiterin Katja Reinhard (ganz rechts) und Ingrid Klösters vom Verein Papillon (ganz links)

Plötzlich ist es unheimlich still im Raum. Alle Schüler hören gebannt der Geschichte von Alice zu.  Sie erzählt von einem magersüchtigen Mädchen, das einen Selbstmordversuch begeht, in der Klinik schlecht behandelt wird, sich durch ein Medizinstudium ins Leben zurückkämpft, bis sie während einer Anatomie-Prüfung eine Psychose erleidet und beginnt, Cannabis zu rauchen. Nur ist es keine Geschichte, sondern Wirklichkeit. Alice sitzt im Stuhlkreis zwischen Schülerinnen und Schülern des Beruflichen Gymnasiums für Gesundheit am Berufskolleg Kleve und erzählt von ihrem eigenen Leben: "Ich dachte der Geheimdienst ist hinter mir her. Es war eine Parallelwelt, in der ganz viele wichtige Menschen Interesse an mir haben.  Um weg von dem Chaos in meinem Kopf zu kommen, habe ich Cannabis geraucht."
20 Prozent der 13- bis 18-Jährigen haben psychische Gesundheitsprobleme. In dieser Lebensphase beginnen Essstörungen, Süchte, Depressionen oder Ängste so häufig wie in keinem anderen Lebensabschnitt. In der Schule werden diese psychischen Erkrankungen oft auffällig. Viele Menschen suchen im Fall einer seelischen Krise Hilfe bei gleichaltrigen Freunden. Das Schulprojekt "Verrückt? Na und!" versucht Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren und Offenheit zu fördern: "Wir trainieren Achtsamkeit. Es ist ein Schutzfaktor, wenn die Mitschüler sich gut kennen und aufmerksam für einander sind", erklärt Ingrid Klösters vom Verein Papillon, der das Projekt im Kreis Kleve durchführt. Die Schülerinnen und Schüler werden in Rollenspielen und über die eigenen Lebenserfahrungen wie Prüfungsstress, Mobbing oder Belastungen in der Familie zunächst persönlich mit dem Thema psychische Gesundheit konfrontiert, bevor in Gruppenarbeiten verschiedene Aufgaben gelöst werden sollen, die über Krankheitsbilder informieren und sensibilisieren. "Wir sollten eine App für Menschen mit seelischen Problemen entwickeln. Das ist eine ziemlich komplizierte Aufgabe, da die Probleme sehr persönlich sind und eine App genau das Gegenteil", reflektiert ein Schüler. Die Schüler lernen an diesem Tag nicht nur Warnsignale, sondern auch Faktoren kennen, die begünstigen, dass ein Mensch gesund bleibt: Optimismus, Akzeptanz, Lösungs- und Zukunftsorientierung zum Beispiel. In der Schule kann ein gutes Klassenklima und eine gute Stimmung positiv wirken. "Es gibt immer mehr Schülerinnen und Schüler, die den Halt verlieren, Unterstützung brauchen und zum Glück Hilfe annehmen", sagt Katja Reinhard, Sozialarbeiterin am Berufskolleg Kleve. Psychische Erkrankungen nehmen einen immer größeren Anteil in der Beratung ein, daher sei die Zusammenarbeit mit Papillon sehr wichtig und solle auch anderen Klassen ermöglicht werden.
Besonders eindrucksvoll ist für die Schülerinnen und Schüler das Gespräch mit Alice. Die Kleverin ist noch immer in Behandlung, nimmt Medikamente, aber sie hat gelernt, mit ihrer Krankheit umzugehen und beim Verein Papillon einen Arbeitsplatz gefunden. "Die Ursache für alles liegt in mir selbst. Mir hat es geholfen zu akzeptieren, dass ich krank bin. Die Medikamente machen mich steif und unflexibel, aber sie sind einfach das kleinere Übel." Obwohl Alice nervös wirkt, motiviert sie die Schüler immer wieder, ihr auch unangenehme Fragen zu stellen. "Was Alice erzählt, ist spannend und interessant. Ich habe großen Respekt vor ihrer Offenheit", sagt ein Schüler.

Text und Foto: Natascha Verbücheln,
Abteilung Gesundheit und Ernährung